Lithium-Ionen-Brand: Was muss man wissen?

Ein Lithium-Ionen-Brand kann sich innerhalb kĂŒrzester Zeit zu einer Gefahrenlage entwickeln, die außerhalb der Möglichkeiten eines Brandschutzhelfers liegt. Entscheidend ist deshalb nicht nur, welcher Brandklasse ein solcher Brand zugeordnet wird, sondern vor allem, wann ein eigener Löschversuch nicht mehr verantwortbar ist.

Realer Lithium-Ionen-Brand mit intensiver Brandentwicklung – eine Situation, in der Laien Abstand halten, Menschen schĂŒtzen und die Feuerwehr alarmieren sollten.

FĂŒr Brandschutzhelfer stellen sich nun drei Fragen:

  • Welche Art von Brand liegt vor?
  • Womit lĂ€sst er sich grundsĂ€tzlich bekĂ€mpfen?
  • Und wann ist Abstand halten, Menschen schĂŒtzen und die Feuerwehr alarmieren die richtige Entscheidung?

Der Verzicht auf einen Löschversuch ist dabei kein Versagen. Bei einem durchgehenden Lithium-Ionen-Akku kann genau das die richtige Entscheidung sein.

Welche Brandklasse hat ein Lithium-Ionen-Akku?

Seit 2026 fĂŒhrt die internationale ISO 3941:2026 Lithium-Ionen-BatteriebrĂ€nde als eigene Brandklasse L.

Ein Lithium-Ionen-Akku gehört nicht zur Brandklasse D, nur weil das Wort „Lithium“ darin vorkommt.

Die Brandklasse D bezeichnet MetallbrĂ€nde. Lithium-Ionen-Akkus enthalten jedoch kein frei vorliegendes metallisches Lithium, wie es fĂŒr einen klassischen Metallbrand typisch wĂ€re. Genau deshalb weist auch die DGUV Information 205-001 zum betrieblichen Brandschutz – gedruckte Seite 44 (PDF-Seite 46) ausdrĂŒcklich darauf hin, dass Metallbrandfeuerlöscher zum Löschen brennender Lithium-Ionen-Akkus nicht geeignet sind.

Vor EinfĂŒhrung der internationalen Brandklasse L wurden Lithium-Ionen-AkkubrĂ€nde mangels einer eigenen Brandklasse hĂ€ufig ĂŒber ihre brennbaren Bestandteile eingeordnet. Insbesondere der brennbare Elektrolyt wurde dabei mit der Brandklasse B in Verbindung gebracht. Der Lithium-Ionen-Akkubrand als Ganzes ließ sich damit jedoch nicht eindeutig abbilden.

Feuerlöscher fĂŒr brennbare FlĂŒssigkeiten im Kontext von Lithium-Ionen-AkkubrĂ€nden und der bisherigen Einordnung ĂŒber Brandklasse B.

Die Brandklasse L ist allerdings noch sehr neu.

FĂŒr Deutschland ist wichtig: Die weiterhin aktuelle DIN EN 2 kennt die Brandklassen A bis D sowie F – eine Brandklasse L enthĂ€lt sie bislang nicht.

Die neue internationale Klassifizierung nach ISO 3941:2026 ist deshalb noch nicht mit der heute ĂŒblichen deutschen Einteilung nach DIN EN 2 gleichzusetzen.

Bei einem durchgehenden Lithium-Ionen-Akku sollte deshalb nicht zuerst nach dem richtigen Feuerlöscher gesucht werden, sondern danach, ob ein eigener Löschversuch ĂŒberhaupt noch vertretbar ist.

Warum ist ein Lithium-Ionen-Brand kein typischer Brandschutzhelfer-Brand?

Ein Lithium-Ionen-Brand ist kein typischer Brandschutzhelfer-Brand, weil ein thermisch durchgehender Akku (Thermal Runaway) sehr schnell aus einem kleinen Entstehungsbrand eine völlig andere Gefahrenlage machen kann.

Viele Menschen verbinden die Aufgaben eines Brandschutzhelfers automatisch mit dem Einsatz eines Feuerlöschers. Genau darin liegt bei Lithium-Ionen-BrÀnden eine Gefahr: Das Problem ist nicht unbedingt die Bedienung des Feuerlöschers. Das Problem ist die falsche EinschÀtzung der Lage.

Der Lithium-Ionen-Brand ist deshalb kein Brandereignis, das sich mit den ĂŒblichen Erfahrungen aus Papierkorb-, ElektrogerĂ€te- oder KleinbrĂ€nden vergleichen lĂ€sst. Die Dynamik eines durchgehenden Akkus stellt selbst erfahrene EinsatzkrĂ€fte wie uns BerufsfeuerwehrmĂ€nner vor besondere Herausforderungen.

Warum kann gerade jetzt entschlossenes Handeln gefÀhrlich werden?

Bei den meisten betrieblichen EntstehungsbrÀnden ist schnelles und entschlossenes Löschen richtig. Genau dieses Handlungsmuster wird bei einem Lithium-Ionen-Brand zur Gefahr.

Ein durchgehender Lithium-Ionen-Akku folgt anderen Regeln.

Lithium-Ionen-Brand mit starker Rauchentwicklung wĂ€hrend einer Löschmaßnahme – Gefahrenlage fĂŒr Brandschutzhelfer

Wer gelernt hat „Entstehungsbrand = schnell löschen“, muss bei Lithium-Ionen-BrĂ€nden noch etwas Zweites lernen: Ein grundsĂ€tzlich richtiger Löschreflex kann hier genau das Falsche auslösen.

Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht im Umgang mit dem Feuerlöscher, sondern darin, vor seinem Einsatz richtig einzuschÀtzen, was gerade passiert.

Aus unserer Erfahrung im Berufsfeuerwehrdienst zÀhlt nicht, wie entschlossen jemand handelt, sondern ob das Vorgehen zur tatsÀchlichen GefÀhrdung passt.

Ein Feuerlöscher an der Wand ist kein Handlungsauftrag.

Woran erkennt ein Brandschutzhelfer bei einem Lithium-Ionen-Brand, dass seine Möglichkeiten erreicht sind?

Ein Brandschutzhelfer hat seine Möglichkeiten erreicht, wenn sich am Akku deutliche Warnzeichen zeigen:

  • der Akku blĂ€ht sich sichtbar auf
  • am Akku-GehĂ€use entsteht starke Hitze
  • aus dem Akku treten Rauch, Dampf oder Flammen aus
  • der Akku zischt, knistert, pfeift oder knallt
  • einzelne Zellen werden herausgeschleudert
  • weitere Akkus, GerĂ€te oder Brandlasten sind unmittelbar gefĂ€hrdet

SpĂ€testens hier endet die Frage „Welchen Feuerlöscher nehme ich?“. Jetzt zĂ€hlen Abstand, Warnung, RĂ€umung und Alarmierung.

đŸŽ„ Das Video zeigt eine reale Übungssituation aus der Brandschutzhelfer-Ausbildung und macht sichtbar, wie schnell aus einem Akkubrand eine dynamische Gefahrenlage entstehen kann.

BestÀtigt die DGUV diese EinschÀtzung?

Ja. Auch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) bewertet Löschversuche durch BeschĂ€ftigte bei Lithium-Ionen-BrĂ€nden kritisch. FĂŒr die BrandbekĂ€mpfung von Lithium-Ionen-Batterien nennt die DGUV Löschmittel mit hohem KĂŒhleffekt, insbesondere Wasser.

Ein geeignetes Löschmittel beantwortet nur die technische Frage, womit ein Brand bekĂ€mpft werden kann. Es beantwortet nicht die Frage, ob ein Brandschutzhelfer diesen Löschversuch ĂŒberhaupt durchfĂŒhren sollte.

In der DGUV-Information 205-041 heißt es:

„Nach derzeitigem Kenntnisstand sind Löschmaßnahmen mittels Feuerlöscher allerdings im Hinblick auf den Personenschutz von BeschĂ€ftigten (inklusive Brandschutzhelfern) durch die bereits beschriebenen GefĂ€hrdungen als Ă€ußerst kritisch anzusehen.“

Quelle: DGUV Information 205-041, Abschnitt 6.3 „BrandbekĂ€mpfung einer Lithium-Ionen-Batterie/-Zelle“, Seite 38.

Diese EinschÀtzung deckt sich mit unserer Erfahrung aus dem Berufsfeuerwehrdienst.

Was sollte man tun?

Wenn Löschen nicht mehr vertretbar ist, endet die Aufgabe des Brandschutzhelfers nicht. Sie Àndert sich.

Dann bleiben wichtige und ĂŒberraschend einfache Aufgaben:

  1. UnverzĂŒglich den Brandbereich rĂ€umen
  2. TĂŒren schließen
  3. gefÀhrdete Personen warnen und mitnehmen
  4. Sofort die Feuerwehr alarmieren
  5. Eine weitere Rauchausbreitung nach Möglichkeit begrenzen, ohne sich selbst der Gefahr einer Rauchvergiftung auszusetzen
  6. Das Wiederbetreten des Gefahrenbereichs konsequent verhindern
  7. Informationen zur Lage an die EinsatzkrÀfte weitergeben

Nicht löschen heißt also nicht, nichts zu tun.

RÀumen, warnen, alarmieren und die Feuerwehr gezielt einweisen können dann sicherer sein als jeder Feuerlöscher.

Warum ist die Feuerwehr-Denkweise bei Lithium-Ionen-BrÀnden wichtiger als der Löschreflex?

Wir BerufsfeuerwehrmĂ€nner lernen bei besonderen Gefahrenlagen zunĂ€chst die eigene Sicherheit und die Sicherheit anderer Menschen sicherzustellen, bevor konkrete Maßnahmen eingeleitet werden.

Ein einfacher Grundsatz dafĂŒr ist die GAMS-Regel. Die Feuerwehrschule fasst sie so zusammen:

  • Gefahr erkennen
  • Absperren
  • Menschenrettung durchfĂŒhren
  • SpezialkrĂ€fte alarmieren

NatĂŒrlich ist ein Brandschutzhelfer kein Feuerwehrmann und soll diese Regel nicht wie eine Einsatzkraft anwenden.

Aber die Denkweise dahinter passt erstaunlich gut zu einem Lithium-Ionen-Brand: Erst erkennen, was passiert – und dann nur das tun, was noch sicher möglich ist.

FĂŒr Brandschutzhelfer heißt das vereinfacht:

  1. Gefahr erkennen
  2. Abstand halten und den Bereich sichern
  3. Menschen warnen und aus dem Gefahrenbereich bringen
  4. Feuerwehr alarmieren

Das ist keine Feuerwehrtaktik fĂŒr Laien. Es ist eine einfache Denkweise, die verhindert, dass aus dem Löschreflex eine zusĂ€tzliche Gefahr entsteht.

Bei einem durchgehenden Lithium-Ionen-Akku kann deshalb der richtige Schritt gerade darin bestehen, den Feuerlöscher nicht mehr einzusetzen.

Gute Ausbildung zeigt sich bei solchen BrÀnden nicht daran, dass jemand unbedingt löscht. Sie zeigt sich daran, dass jemand rechtzeitig erkennt, wann Schluss ist.

Wer dies verstanden hat, handelt nicht passiv. Er handelt verantwortungsvoll.

Wer hat diesen Beitrag verfasst?

Verfasst wurde dieser Beitrag von Oberbrandmeister Thomas Till von Lehrgang-zum-Brandschutzhelfer.de.

Thomas Till ist aktiver Berufsfeuerwehrmann, GruppenfĂŒhrer im Einsatzdienst und Ausbilder fĂŒr Brandschutzhelfer. Die Einordnung zu Lithium-Ionen-BrĂ€nden verbindet aktuelle Fachinformationen mit Erfahrungen aus Feuerwehrdienst und realitĂ€tsnaher Brandschutzhelfer-Ausbildung.

Thomas Till, Oberbrandmeister der Berufsfeuerwehr, Ausbilder fĂŒr Brandschutzhelfer mit Einsatz- und Leitstellenpraxis vor einer Drehleiter

Rechtlicher Hinweis

Die Inhalte dieser Seite dienen der allgemeinen Information und ersetzen weder eine individuelle GefÀhrdungsbeurteilung noch betriebliche Festlegungen, Herstellerangaben oder verbindliche Vorgaben von Behörden, UnfallversicherungstrÀgern und Feuerwehr.

Ob und welche Maßnahmen bei einem Lithium-Ionen-Brand vertretbar sind, hĂ€ngt immer von der konkreten Situation, dem betroffenen Akku, der Umgebung und den vorhandenen betrieblichen Schutzmaßnahmen ab. Im Zweifel gilt: Eigenschutz beachten, gefĂ€hrdete Personen schĂŒtzen und die Feuerwehr alarmieren.